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Die Geschichte

des ersten deutschen
Unternehmens der
Ferngasversorgung

Los geht's
EPOCHE

Die lange Vorgeschichte

(1892−1921)
1871
1

Am Anfang war ein
Wasserwerk in Styrum

Thyssengas ging aus kleinen Anfängen hervor. Das 1871 gegründete Stammunternehmen des Thyssen-Konzerns, das Stahlwerk Thyssen & Cie. in Styrum bei Mülheim, baute 1892/93 ein eigenes Wasserwerk an der Ruhr, das den gestiegenen Bedarf an Betriebswasser befriedigen sollte. Der industrielle Kern des Konzerns war damals schon die Gewerkschaft Deutscher Kaiser (GDK) in Hamborn mit ihren Bergwerken und ihrem wachsenden Stahlwerk in Bruckhausen.

Weil die Betriebe der GDK auch Ruhrwasser erhalten sollten – das Rheinwasser war schadstoffhaltig – baute man 1896−98 eine Wasserleitung von Styrum nach Hamborn. Einige der Gemeinden, durch deren Gebiet die Leitung verlief, entschlossen sich, Wasser von Thyssen & Cie. zu beziehen. Um den Wasserdruck zu erhöhen, baute Thyssen & Cie. 1898/99 auf dem höchsten Punkt Hamborns, nahe der damaligen Provinzialstraße Duisburg−Wesel, einen Wasserturm. 1903 gründeten August und Joseph Thyssen das Wassergeschäft unter der Firma Wasserwerk Thyssen & Cie. GmbH (WTC) aus dem Stammunternehmen aus.

1904
2

Systeminnovation im Ruhrgebiet –
Die Anfänge des industriellen Gasverkaufs

Die Kokereien der Montankonzerne an Rhein und Ruhr, darunter die beiden Kokereien der GDK in Hamborn, stießen immer mehr Kokerei-Rohgas aus, als die Konzerne selbst in ihrer Energiewirtschaft benötigten. Das überschüssige Gas wurde abgefackelt – eine Verschwendung.

Seit 1897 verkauften einzelne Zechen gereinigtes Kokerei-Rohgas an umliegende Gemeinden, die es vor allem zur Straßenbeleuchtung verwendeten. 1904 beschlossen die Industriellen Hugo Stinnes und August Thyssen, dieses Geschäft in großem Stil zu betreiben und weiter gespannte Versorgungnetze zu schaffen. Stinnes begann damit im Raum Essen, Thyssen im Raum Hamborn.

1905
3

1905: Die WTC nimmt
das Gasgeschäft auf

Wegen der technischen Gemeinsamkeiten im Betrieb von Wasser- und Gasleitungen beauftragten August Thyssen und sein Bruder und Teilhaber Joseph die WTC, den Gasüberschuss der Hamborner Kokereien zu vermarkten. Zu diesem Zweck baute die WTC 1904/05 erste Anlagen zur Reinigung und Kühlung von Kokereigas nördlich der Kokerei bei der Schachtanlage 4 der GDK an der Beecker Straße in Alt-Hamborn.

1904 schloss die WTC ihren ersten Gaslieferungsvertrag mit der Gemeinde Walsum, im folgenden Jahr kam ein Vertrag mit der Gemeinde Hamborn zustande. In diesen Gemeinden sollten auch private Haushalte und Handwerksbetriebe Gas beziehen. Die Versorgung in Hamborn und Walsum begann 1905. 1908 übernahm die WTC die Deckung des halben Gasbedarfs der Stadt Mülheim.

1906
4

Die führenden Köpfe der WTC und das Wasserwerk am Rhein

Die ersten Geschäftsführer der WTC waren Walter Pouch und Moritz Pickhardt. Den Leitungsbau im Hamborner Raum leitete der Rohrmeister Eduard Naujoks. 1906 stieß der 1878 geborene Gas- und Wasserwerksingenieur Franz Lenze zur WTC, der bald in die Geschäftsführung aufrückte.

1905 richtete die WTC eine Betriebsverwaltung in Hamborn ein, für die ein Gebäude nördlich des Wasserturms gebaut wurde. Die WTC wollte auch ihr Wassergeschäft ausweiten. Weil dafür die Leistung des Werkes in Styrum nicht ausreichte, baute sie 1907/08 nach Plänen von Lenze ein Wasserwerk in Duisburg-Laar am Rhein, das Uferfiltrat förderte. Es war das spätere Wasserwerk I der Thyssensche Gas- und Wasserwerke GmbH.

1910

Barmener
Leitung

(Hamborn−Barmen) mit mehr als 50 km Länge erste eigentliche Ferngasleitung in Deutschland; Bau z.T. in bergigem Gebiet
1910
5

Die Barmener Leitung –
Der Beginn der Ferngasversorgung in Deutschland

Während die Kokereien der Ruhrkonzerne immer leistungsstärker wurden, dachten auch größere Städte darüber nach, ihre teuer arbeitenden Gaswerke stillzulegen und Gas von industriellen Anbietern zu beziehen. Die alte Industriestadt Barmen (seit 1929 ein Teil von Wuppertal) wurde von Stinnes und von Thyssen umworben. Die WTC bekam den Zuschlag, weil sie in den Vertragsverhandlungen flexibler war.

Franz Lenze plante eine 50,5 Kilometer lange Leitung von Hamborn nach Barmen. Eine auch nur halb so lange Leitung war in Europa bis dahin nicht gebaut worden. Ihre Inbetriebnahme am 25. November 1910 gilt als Beginn der Gasfernversorgung in Deutschland. Um Barmen beliefern zu können, hatte die WTC ihr Gaswerk in Hamborn erheblich aufrüsten müssen.

1912
6

Die Nordleitung und die
Demarkation mit der RWE AG

Walter Pouch und Franz Lenze überzeugten die Familie Thyssen, dass die Entwicklung eines großräumigen Gasversorgungsnetzes am Niederrhein reichen Ertrag bringen würde. Die beiden Strategen dachten bereits daran, mittelfristig Leitungsstränge bis nach Köln und ins Münsterland zu bauen. 1912 verlängerte die WTC die Leitung Hamborn−Walsum über Dinslaken bis nach Wesel (Nordleitung); beide Städte wurden noch im selben Jahr beliefert.

An der Barmener Leitung wurde Velbert als Kunde gewonnen. Die RWE AG, die das Gasleitungsnetz der Stinnes-Zechen übernommen hatte, plante eine Achse von Dorsten über Essen bis Solingen und ein Ausgreifen auf das linke Rheinufer bei Krefeld. Noch 1910 grenzten die WTC und die RWE ihre Interessengebiete vertraglich ab.

1913
7

Probleme beim Wasser –
Von Styrum nach Hamborn

Weil die Qualität des Ruhrwassers sich verschlechterte und die Ruhr in trockenen Sommern als Lieferantin von Trinkwasser überfordert war, entschlossen sich August und Joseph Thyssen 1912, die Geschäftsanteile der WTC und das Styrumer Wasserwerk an ein Konsortium zu verkaufen. Die WTC firmierte in Rheinisch Westfälische Wasserwerksgesellschaft um und existiert unter diesem Namen noch heute.

Am 1. Januar 1913 übernahm die Gewerkschaft Deutscher Kaiser das gesamte Gasgeschäft der WTC und die Wasserversorgung im Gebiet westlich von Mülheim und Oberhausen. Dafür schuf sie eine neue Abteilung Gas- und Wasserwerk unter der Leitung von Pouch († 1914) und Lenze. Die Abteilung nahm ihren Sitz in dem Verwaltungsgebäude am Hamborner Wasserturm. 1916 gewann die GDK die Städte Kettwig und Werden als Gasabnehmer und ihren ersten Industriekunden, die Glasfabrik Becker in Oberhausen.

1918
8

Die Neuordnung des
Thyssen-Konzerns 1918/19

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges kam die Sozialisierung des Steinkohlenbergbaues auf die politische Tagesordnung. Die Familie Thyssen entschloss sich, die Gewerkschaft Deutscher Kaiser mit Wirkung vom 1. Januar 1919 in einen Hütten- und einen Bergbaubereich zu teilen. Dem Hüttenbereich, der Gewerkschaft August Thyssen-Hütte (ATH), wurden so viele Werte wie möglich zugeordnet, damit sie bei der Sozialisierung des Bergbaues – die dann doch ausblieb – nicht verloren gingen.

Auch die Abteilung Gas- und Wasserwerk kam zur ATH. Kurz zuvor, am 28. Dezember 1918, war das Endverbrauchergeschäft, die Belieferung von Haushalten und Betrieben in Hamborn, Walsum und Dinslaken-Lohberg, in die Niederrheinische Gas- und Wasserwerksgesellschaft (NGW) ausgegründet worden. Deren Geschäftsführer waren Franz Lenze und Julius Thyssen.

EPOCHE

Von der Gründung der „Gasgesellschaft“
bis zum Ende der Ära Lenze

(1921−1937)
1920
1

„Gasgesellschaft Hamborn“:
Die Ausgründung der
Gasfernversorgung und
der Wasserförderung

Ende 1920 entschloss sich die Familie Thyssen auf Anregung von Franz Lenze, die Abteilung Gas- und Wasserwerk aus der August Thyssen-Hütte herauszulösen und zu verselbständigen. Am 25. Januar 1921 gründeten zwei Konzernunternehmen, die Thyssen & Co. AG in Mülheim und die AG für Hüttenbetrieb in Duisburg-Meiderich die Gasgesellschaft Hamborn, eine GmbH, die die Aufgaben und die Verträge der Abteilung Gas- und Wasserwerk übernahm.

Kaufmännischer Geschäftsführer war Julius Thyssen (1881−1946), technischer Geschäftsführer Franz Lenze. Ihnen standen als Prokuristen Eduard Naujoks und Wilhelm Eiland zur Seite. 1923 traten die beiden Gesellschafter die Geschäftsanteile an Fritz Thyssen und Heinrich Thyssen-Bornemisza, die Söhne August Thyssens (je 37,5 v.H.), und an Julius und Hans Thyssen, die Söhne Joseph Thyssens (je 12,5 v.H.) ab.

1921
2

Große Investitionen:
Ferngaswerk,
Großgasbehälter,
Wasserwerk II

Die Gasgesellschaft, deren Ferngasleitungsnetz sich Ende 1921 auf 250 Kilometer bemaß,  war entschlossen, ihren Gasabsatz an Städte und Gemeinden und an industrielle Abnehmer außerhalb des Konzerns auszuweiten. Dazu war es nötig, das Ferngaswerk in Hamborn abermals zu vergrößern und neue oberirdische Speicher („Gasometer“) zu schaffen.

1925/26 baute die Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg für die Gasgesellschaft einen 300000 m3 fassenden Großbehälter in Hamborn-Bruckhausen, der mit den beiden Kokereien verbunden und für zwei Jahre der größte Gasbehälter der Welt war. Am Rheinufer in Beeckerwerth entstand 1922/23 das zweite Wasserwerk der Gesellschaft, das größte Wasserwerk Europas.

1922
3

Expansion ins Münsterland:
Der Vertrag mit der VEW

1922 verlängerte die Gasgesellschaft die Nordleitung über Wesel hinaus bis Emmerich und baute bis 1925 eine Zweigleitung nach Bocholt, Rhede und Borken. Mit der Vereinigte Elektrizitätswerke Westfalen AG (VEW), die das Münsterland nicht nur mit Strom, sondern auch mit Gas versorgen wollte, schloss man 1926 einen Vertrag, mit dem sich die Gasgesellschaft verpflichtete, für die VEW eine Leitung in das nordwestliche Münsterland zu bauen. 1930 erreichte dieser Leitungsstrang Ochtrup und Burgsteinfurt. Die VEW garantierte für das dort absetzbare Gas den exklusiven Bezug von der Gasgesellschaft. Das Gas wurde in Borken an die VEW übergeben.

1926
4

Die Gasgesellschaft kommt
zur Unternehmensgruppe
Thyssen-Bornemisza und
wird in Thyssensche Gas- und
Wasserwerke GmbH umbenannt

Bald nach dem Tode August Thyssens (4. April 1926) gründeten vier Montankonzerne des Ruhrgebietes die Vereinigte Stahlwerke AG (VSt). Der größte Teil des Thyssen-Konzerns, darunter die Stahlwerke, Bergwerke und Kokereien, wurden in den „Stahltrust“ eingebracht. Nicht so die Unternehmen, die seit 1923 der Führung Heinrich Thyssen-Bornemiszas anvertraut waren;

zu diesen gehörten die Gasgesellschaft und die Niederrheinische Gas- und Wasserwerke GmbH. August Thyssens jüngster Sohn, kraft Adoption durch seinen Schwiegervater ein ungarischer Baron, verweigerte die Einbringung der von ihm kontrollierten Unternehmen in die VSt und bildete daraus eine eigene Unternehmensgruppe. Am 17. März 1927 firmierte die Gasgesellschaft in Thyssensche Gas- und Wasserwerke GmbH (TGW) um. Aus deren Drahtwort Thyssngaswasser (so!) entstand später der Name Thyssengas.

1926
5

Die „Hauptverträge“ mit
der Vereinigte Stahlwerke AG
und die Zeche Walsum

Da die beiden Kokereien, die der TGW das Rohgas lieferten, seit 1926 „konzernfremd“ waren, schlossen die TGW und die VSt 1927 einen Vertrag, in dem sich die VSt verpflichtete, der TGW das Rohgas zum Selbstkostenpreis zu verkaufen. Umgekehrt lieferte die TGW den Stahlwerken der VSt im Raum Hamborn das benötigte Betriebswasser zum Selbstkostenpreis. Diese beiden „Hauptverträge“ hatten eine Laufzeit bis 1971.

Weil Heinrich Thyssen-Bornemisza darüber hinaus eine eigene Kokereigaserzeugung anstrebte, ließ er sich bei der Konzernteilung alle noch unverritzten Thyssenschen Grubenfelder nördlich von Hamborn übertragen. Zu deren Erschließung wurde 1926 die Gewerkschaft Walsum gegründet, deren Kuxe bei der TGW lagen. Es begann die Abteufe einer Doppelschachtanlage bei Alt-Walsum. 1930 konnte das Bergwerk erstmals Kohle für den Eigenbedarf fördern. Der eigene Rheinhafen (heute Nordhafen Walsum) machte die Zeche zu dem am wirtschaftlichsten arbeitenden Bergwerk Deutschlands. Die dort mittelfristig geplante Kokerei wurde jedoch nie gebaut.

1926

Großgas-
behälter
Hamborn

mit 300.000 m3 Fassungsvermögen für zwei Jahre der größte Gasbehälter der Welt

1927

Fernwärme-
netz

Duisburg-Hamborn

Parallele Netzentwicklung durch Ruhrgas in Bochum

1928
6

Die Demarkation mit der Ruhrgas AG,
das Kölner Projekt und die Aggertalleitung

Im Oktober 1926 gründeten fünf Unternehmen des Ruhrbergbaues die Aktiengesellschaft für Kohleverwertung (AGKV) in Essen. Dieses 1928 in Ruhrgas AG umbenannte Unternehmen sollte das überschüssige Gas aller Kokereien des Ruhrgebietes mit Ausnahme der Hamborner Kokereien vermarkten. Der Ruhrgas, die 1928 das Gasleitungsnetz der RWE übernahm, standen bald größere Gasmengen zur Verfügung als der TGW.

Beide Unternehmen schlossen 1927 einen Demarkations- und Gemeinschaftsarbeitsvertrag, in dem neben den jeweils exklusiven Versorgungsgebieten auch ein Gebiet festgelegt wurde, in dem beide Unternehmen zum Absatz berechtigt waren. Ein perspektivischer Gemeinschaftskunde war die Stadt Köln. Die TGW allein sicherte sich durch den Kauf einer Gasleitung die Versorgung des Aggertals im Oberbergischen Land, die aber erst 1934 technisch möglich war. Um den Gasdruck im Aggertal zu verstärken, war es nötig, in Bergisch Gladbach ein „Zwischendruckwerk“ zu bauen.

1929

„Verfahren
Lenze−
Borchardt“

Tiefkühlungsverfahren, Entfernung von Naphtalin, Ammoniak und Wasserdampf aus Kohledestillationsgasen

1930
7

Die „Westleitung“, das zweite Ferngaswerk in Alsdorf
und die Leitung Alsdorf−Köln

Die Stadt Köln machte einen Vertragsabschluss mit der TGW und der Ruhrgas davon abhängig, dass die Unternehmen eine redundante Versorgung sicherstellten; Köln wollte nicht nur vom Ruhrgebiet, sondern auch vom Aachener Kohlenrevier aus beliefert werden können. So bauten die TGW und die Ruhrgas 1928−31 gemeinsam die „Westleitung“ (eine Ruhrgas-Bezeichnung) von Duisburg über Düsseldorf nach Köln, mit einem Rheindüker zwischen Leverkusen-Wiesdorf und Merkenich.

Die TGW sorgte allein für die Anbindung Kölns an das Aachener Revier. Sie schloss mit dem Eschweiler Bergwerks-Verein (EBV) einen Vertrag, der ihr das Rohgas der EBV-Kokerei Anna in Alsdorf sicherte, baute dort 1930 ein zweites Ferngaswerk und eine von Alsdorf nach Köln führende Leitung. In umgekehrter Richtung schloss sie Aachen an das Alsdorfer Werk an. Am 1. Oktober 1930 strömte erstmals Ferngas aus Alsdorf in Kölner Stadtnetz.

1930

Turm-
reinigungs-
verfahren

zur Reinigung von Kokereirohgas

1931
8

Die Turmreinigung
und weitere Patente

Die TGW betrieb in Hamborn auch Forschung und Entwicklungsarbeit. Franz Lenze und der Gasmeister Andreas Borchardt erdachten ein Verfahren zur Entfernung von Naphtalin, Ammoniak und Wasserdampf aus gereinigtem Kokereigas vermittels Tiefkühlung. Lenze allein erwarb ein Patent auf ein neues, platzsparendes Rohgasreinigungsverfahren, die sogenannte Turmreinigung; letztere kam seit 1931 in der „Reinigung II“ des Hamborner Werkes zur Anwendung. 1930 war das Hamborner Werk das größte Gaswerk Europas. Die TGW entwickelte auch ein eigenes Verfahren für Leitungskreuzungen von Erddämmen und zur Dükerung von Flüssen.

Lenze allein erwarb ein Patent auf ein neues, platzsparendes Rohgasreinigungsverfahren, die sogenannte Turmreinigung; letztere kam seit 1931 in der „Reinigung II“ des Hamborner Werkes zur Anwendung. 1930 war das Hamborner Werk das größte Gaswerk Europas. Die TGW entwickelte auch ein eigenes Verfahren für Leitungskreuzungen von Erddämmen und zur Dükerung von Flüssen.

1936
9

Der Leitungsbau „südlich Köln“ und neue Kunden
− Das Gasgeschäft in der Weltwirtschaftskrise

Die TGW und die Ruhrgas waren entschlossen, die Westleitung über Köln hinaus nach Koblenz – langfristig bis nach Mannheim – vorzutreiben. Sie schlossen 1936 Bonn an und bauten rechtsrheinische Stichleitungen nach Bad Honnef und Troisdorf. Im Raum südlich und westlich von Köln gewann die TGW neue Großkunden, darunter die DEGUSSA-Werke in Kalscheuren, Knapsack und Wesseling. Große industrielle Abnehmer waren auch die Press- und Walzwerk AG in Düsseldorf, das Kölner Ford-Werk und das Carlswerk von Felten & Guillaume in Köln-Mülheim. Der Einbruch des Gasgeschäftes während der Weltwirtschaftskrise (1930−33) führte zu einer Liquiditätskrise, die dank der Nervenstärke Lenzes gemeistert wurde.

Der Bau der Doppelschachtanlage in Walsum erforderte noch mehr Mittel als der Ferngasleitungsbau. Die TGW musste sich dafür bei der Bank voor Handel en Scheepvaart in Rotterdam, die zur Unternehmensgruppe Thyssen-Bornemisza gehörte, später auch bei der August Thyssen-Bank in Berlin, hoch verschulden. Seit 1930 lagen alle Geschäftsanteile unmittelbar oder mittelbar in der Hand des Barons. Franz Lenze starb am 11. November 1937 mit 59 Jahren an den Folgen eines Verkehrsunfalls. Sein Nachfolger als technischer Geschäftsführer der TGW wurde der Bergingenieur Wilhelm Roelen.

EPOCHE

Die TGW in der Plan- und Kriegswirtschaft

(1937—1945)
1933
1

Das Unternehmen und
der Nationalsozialismus

Die TGW gehörte nicht zu den Unternehmen mit einem hohen Anteil an nationalsozialistischen „Parteigenossen“ an der Gesamtbelegschaft. Bei den Wahlen zum Arbeiterrat im März 1933 stimmte weniger als ein Viertel der Beschäftigten für die „Nationalsozialistische Betriebszellen-Organisation“. Sowohl Generaldirektor Franz Lenze als auch sein Nachfolger Wilhelm Roelen waren der Katholischen Kirche verbunden und lehnten den Antisemitismus der Hitler-Partei ab.

Es ist nicht bekannt, wie viele der Belegschaftsmitglieder Juden waren, und auch über einzelne Schicksale schweigen die Quellen. Interessant ist jedoch, dass Roelen im November 1938 in einem anonymen Brief als „Judenknecht“ beschimpft wurde. Weil Roelen erstens keine Propaganda der NSDAP in den Betrieben der TGW duldete und zweitens im Interesse des Unternehmens den geforderten Beitritt der Zeche Walsum zum Rheinisch Westfälischen Kohlen-Syndikat hinauszögerte, geriet er unter Beschuss der NSDAP-Gauleitung in Essen und der halbstaatlichen Wirtschaftsbürokratie; ihm wurde sogar mit „Liquidierung“ gedroht. Auf Anraten des Hamborner Ortsgruppenleiters der Partei trat er 1940 formal in die NSDAP ein. Der mündliche Gruß „Heil Hitler“ war bei der TGW verpönt; es wurde mit „Glückauf“ gegrüßt.

1937
2

Das Gas- und Wassergeschäft und
die Forschung zur restlosen
Vergasung von Kohle
(Thyssen-Galocsy-Gas)

Die Ferngaswirtschaft der letzten Vorkriegsjahre war durch die starke Konkurrenz des Stroms geprägt. Das Gasmarketing stand hinter dem Strommarketing der großen Produzenten wie RWE und VEW noch deutlich zurück. Trotzdem stieg die Gasnachfrage in der Industrie, vor allem in der Hochkonjunktur von 1937−39, deutlich an. Seit 1939 konnten die TGW und die Ruhrgas gemeinsam Bonn mit Ferngas versorgen; 1941 schlossen sie Mönchengladbach an.

1941 sicherte sich die TGW die Rohgasmengen der Kokerei Nothberg in Eschweiler, die sie bis zur Zerstörung dieser Kokerei 1944 aufbereitete und vermarktete. Da die Nachfrage nach Gas zunahm, der Bau der eigenen Kokerei in Walsum aber nicht begonnen werden konnte, dachte die Unternehmensleitung über eine kokereiunabhängige Gasgewinnung nach. Der Chefchemiker Anton Rettenmaier entwickelte in Zusammenarbeit mit dem ungarischen Ingenieur Zsigmond von Galocsy und der Krupp Treibstoffwerke GmbH ein Verfahren zur Vergasung von Steinkohle in einem hochofenähnlichen Schacht. 1941/42 baute die TGW auf dem Krupp-Gelände in Wanne-Eickel eine nach dem Thyssen-Galocsy-Verfahren arbeitende Erzeugungsanlage, die jedoch bei einem Luftangriff 1944 zerstört und nicht wieder aufgebaut wurde. Das Wasserwerk II wurde 1938/39 nochmals erweitert. 1943 baute die TGW am Rheinufer in Hamborn-Alsum ein drittes Wasserwerk, das nur Brauchwasser für den stark gestiegenen Bedarf der August Thyssen-Hütte förderte.

1938

„Thyssen-Galocsy-
Gas“

vollständige Vergasung
von Steinkohle

1938
3

Die Zeche in Walsum

Der Ausbau der Zeche Walsum blieb infolge des Mangels an Baustoffen, der aus der staatlichen Lenkung der Zuteilung resultierte, hinter dem Plan zurück. Dennoch stieg die Kohlenförderung von Jahr zu Jahr (1938: 200000 Tonnen, 1943: 951000 Tonnen).

Um neue Bergleute anwerben zu können, musste die TGW in Walsum große Arbeitersiedlungen bauen. Die Walsumer Kohle wurde zum Teil für den Eigenbedarf der TGW verwendet und zum Teil ins Ausland, vor allem in die Niederlande, verkauft. 1941 konnte der Beitritt zum Kohlensyndikat nicht länger aufgeschoben werden.

1944
4

Zwangsarbeit im Gaswerk
und im Bergwerk

Wie die gesamte deutsche Industrie und der Bergbau, aber auch die Landwirtschaft, die Eisenbahn, staatliche und kommunale Betriebe und die Krankenhäuser, war auch die TGW nach Kriegsbeginn darauf angewiesen, in immer größerem Umfang ausländische Zwangsarbeiter zu beschäftigen, die von staatlichen Stellen zugewiesen wurden. Im Ferngaswerk Hamborn arbeiteten zivile Ausländer, die in zwei Lagern lebten, von denen sich eines auf dem Werksgelände befand. Die junge Zeche Walsum, die noch keinen großen Bestand an deutschen Stammarbeitern hatte, konnte nur durch den „Einsatz“ von mehr als 1500 Zwangsarbeitern (Stand 1944) in Betrieb gehalten werden.

Dazu gehörten zivile Arbeiter aus den besetzten Gebieten im Westen, Polen, zivile „Ostarbeiter“ aus der Sowjetunion und vor allem sowjetische Kriegsgefangene. Die TGW baute für diese Menschen in Walsum mehrere Barackenlager. Die Lebensumstände der Zwangsarbeiter waren bitter. Ihre Ernährung konnte aber durch Erzeugnisse aus den drei Gutsbetrieben der TGW im heutigen Kreis Wesel aufgebessert werden. Diese Gutshöfe beiderseits der Lippe bewirtschafteten die großen Reserveflächen für die künftige Wasserförderung. Im Jahr 2000 ist Thyssengas der Stiftungsinitiative „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ beigetreten und hat eine Million DM in den Stiftungsfonds zur Entschädigung noch lebender ehemaliger Zwangsarbeiter eingezahlt.

1945
5

Kriegsschäden

Seit 1942 waren die Betriebe der TGW immer öfter von Angriffen der britischen und amerikanischen Bomberflotten betroffen. Im Ferngaswerk Hamborn traten große Schäden ein; dennoch konnte die Gasversorgung mit kurzen Unterbrechungen bis zum 6. März 1945 aufrechterhalten werden. Das Ferngaswerk in Alsdorf blieb dagegen fast unbeschädigt. 1944/45 richteten Luftangriffe 390 Rohrnetzschäden an; die Reparaturtrupps der TGW leisteten fast übermenschliches.

Bei einem Angriff am 12. August 1943 kamen in einem der Gebäude am Hamborner Wasserturm fünf Werksangehörige ums Leben. Nach dem Beginn des Artilleriefeuers der Amerikaner vom linken Rheinufer her mussten am 6. März 1945 das schon halb zerstörte Ferngaswerk Hamborn und das Bergwerk Walsum stillgesetzt werden. Die Wasserwerke arbeiteten noch bis zum 24. März. Am 26. März wurde Walsum, am 28. Hamborn von der 9. US-Armee besetzt. Für die TGW war der Krieg zu Ende.

EPOCHE

Wiederaufbau und neue
Geschäftsgrundlagen

(1945−1955)
1946
1

1945/46: Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza wird neuer Konzernchef

Seit der Besetzung Hamborns Ende März 1945 stand die TGW unter der Aufsicht der regionalen Militärregierung. Das galt für alle größeren Unternehmen. Wilhelm Roelen erwarb sich den Respekt erst der amerikanischen, dann der britischen Besatzungsmacht, auch als Gutachter zur Lage des Ruhrbergbaues. Wegen des Verbotes der Aus- und der Einreise in das besetzte Deutschland war aber die Kommunikation der Unternehmensleitung mit dem faktischen Alleingesellschafter Heinrich Thyssen-Bornemisza äußerst schwierig.

Der Postverkehr blieb bis zum April 1946 verboten. Heinrich Thyssen-Bornemisza, der seit 1932 vorwiegend in Castagnola bei Lugano lebte, hatte die Schweiz seit 1940 nicht mehr verlassen und war dement geworden. Sein jüngerer Sohn Hans Heinrich, erst 24 Jahre alt und ungarischer Staatsangehöriger wie sein Vater, sollte die Leitung der Unternehmensgruppe übernehmen, durfte aber zunächst nicht nach Deutschland einreisen. Nur mit Hilfe niederländischer Freunde konnte er Kontakt zu Roelen halten. Nach dem Tod des Vaters im Juni 1947 übernahm der „junge Baron“ auch formalrechtlich die Aufsicht über die TGW. 1950 wurde er Schweizer Staatsbürger.

1949
2

Der Wiederaufbau der Werke

Es dauerte fünf Jahre, bis alle Anlagen des schwer beschädigten Ferngaswerkes in Hamborn wiederhergestellt waren. Das Ferngaswerk Alsdorf ging im Juni 1946 wieder in Betrieb. Die letzten Rohrnetzschäden konnten erst 1947 beseitigt werden. Weil die August Thyssen-Hütte (ATH) darniederlag und die Koksproduktion der Hamborner Kokereien sich folglich auf niedrigem Niveau bewegte, erhielt die TGW erheblich weniger Rohgas als noch 1943. Um ihre Verpflichtungen erfüllen zu können, musste sie Gas bei der Ruhrgas AG kaufen. Auch beim Wasser blieb der Absatz gering – der hauptsächliche Abnehmer war ja die ATH. Hinzu kam die jahrelange Ungewissheit über das Schicksal der Hamborner Hütte, deren von den Briten gewünschte Totaldemontage erst 1949 abgewendet werden konnte.

Die Entscheidung, die Hütte in großem Zuschnitt wiederaufzubauen, fiel erst drei Jahre später. Unterdessen machte die Zeche Walsum Gewinne und konnte die die anderen Unternehmensbereiche subventionieren. Der Gasabsatz der TGW stieg erst 1952 wieder über eine Milliarde Kubikmeter. Das Wassergeschäft konnte sich dank der Nachfrage der ATH wieder erholen. 1951 kam die TGW wieder in die Gewinnzone. Seit 1952 setzte die TGW ein selbst entwickeltes Verfahren zum Schutz von Gasleitungen vor Korrosion durch elektrischen Strom ein, mit dem sie in Deutschland technisch führend wurde. Im Sommer 1952 unterhielt die TGW 752 Kilometer Ferngasleitungen, davon 435 Kilometer eigene Leitungen und 317 Kilometer Gemeinschaftsleitungen mit der Ruhrgas.

1950
3

Die Sicherung des Rohgasbezuges
durch neue Verträge

Die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs verlangten die Entflechtung aller großen deutschen Konzerne. Die Vereinigte Stahlwerke AG (VSt) wurde bis 1953 in 18 Unternehmen zerlegt, darunter eine neue August Thyssen-Hütte AG, der die Kokerei Friedrich Thyssen 3/7 zugeordnet wurde. Die andere Hamborner Kokerei, Friedrich Thyssen 4/8, gehörte zur Friedrich Thyssen Bergbau AG, die zusammen mit ihrer Muttergesellschaft Hamborner Bergbau AG aus der Neuordnung der Bergbau-Gruppe Hamborn der VSt hervorgegangen war.

Die beiden Gaslieferanten der TGW wollten marktgerechte, höhere Preise für das Kokereigas, das sie der TGW lieferten, und erklärten die Preisbestimmungen in den alten Hauptverträgen zwischen VSt und TGW für unwirksam. Die TGW ihrerseits forderte eine Entschädigung für den Fortfall der für sie günstigen Regelungen von 1926. Schwierige Verhandlungen zogen sich über Jahre hin. Erst 1955 kam es zum Abschluss neuer Verträge zwischen der TGW, der neuen August Thyssen-Hütte und dem Hamborner Bergbau mit einer Laufzeit bis 1971.

1950

Korrosions-
schutz von
Leitungen

ab den 1950er-Jahren: Verfahren von Thyssengas zum Korrosionsschutz von Leitungen

1952
4

Gasexport in die Niederlande
und nach Belgien

Im Dezember 1945 forderte die britische Militärregierung die TGW, über Alsdorf ein niederländisches Staatsunternehmen mit Gas zu beliefern, das den staatlichen Zechen im Raum Heerlen zugutekommen sollte. Die Ruhrgas sollte sich an dem Geschäft beteiligen. Die TGW baute 1946 eine grenzüberschreitende Leitung nach Heerlen, die Ende Oktober begast wurde.

Seit 1948 lieferten sie und die Ruhrgas auch über Emmerich und seit 1949 über Bocholt Gas in das Nachbarland. Seit August 1952 nahm auch das belgische Unternehmen SAVGAZ (Lüttich) Gas von der TGW und der Ruhrgas ab. Die Übergabe dieses Gases erfolgte in Moresnet, wohin eine Leitung von Alsdorf her gebaut wurde. Mit diesen Exporten begann die Europäisierung des Ferngasgeschäftes.

1953
5

1953: Die Trennung von der Zeche und das Ende der Ära Roelen

In der 1949 gegründeten Bundesrepublik galten die Vorschriften der Alliierten hinsichtlich der Neuordnung der Wirtschaft weiter. Der Bergbau einerseits, die Stahlproduktion und die Energieversorgung andererseits sollten getrennt werden, und alle Konzerne des Ruhrgebietes wurden bis 1953 entsprechend entflochten. Auch die TGW musste sich aufgrund eines Gesetzes der Alliierten Hohen Kommission vom 16. Mai 1950 von ihrer Zeche trennen, die seit 1946 stark ausgebaut worden war und 1951 bei der Förderung an sechster Stelle aller deutschen Bergwerke stand.

Die „Walsumkohle“ wurde überwiegend an Stromproduzenten verkauft. Der Walsumer Bergwerksdirektor Dr.-Ing. Herbert Barking, ein Schwiegersohn Roelens, trat 1951 in die Geschäftsführung der TGW ein. Im Oktober 1953 musste Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza die Abtrennung der Zeche von der TGW vollziehen. Das Bergwerk blieb jedoch bis 1969 Eigentum der Familie Thyssen-Bornemisza. Zum selben Zeitpunkt trat Wilhelm Roelen in den Ruhestand. Ihm folgten als Geschäftsführer der TGW die Diplom-Ingenieure Rudolf Kunz und Günther Kopf, die beide seit vielen Jahren im Unternehmen tätig waren. Ein Generaldirektor, wie es Lenze und Roelen gewesen waren, wurde nicht mehr ernannt.

EPOCHE

Die TGW im
deutschen„Wirtschaftswunder“

(1955−1965)
1955
1

Gute Jahre im Gasgeschäft
– neue Leitungen und neue Kunden

Der Wiederaufstieg der westdeutschen Wirtschaft in den 1950−er Jahren ließ auch das Geschäft der TGW wieder in die Höhe kommen. Basis des „Wirtschaftswunders“ waren Kohle und Stahl. Je mehr Stahl erzeugt wurde, desto mehr Koks wurde nachgefragt, und mit der Koksproduktion stiegen die Rohgasmengen, die von den Ferngasunternehmen vermarktet werden konnten. Die TGW musste ihre Gaswerke nochmals modernisieren. Der Absatz lag seit 1955 jedes Jahr über 1,1 Milliarden m3.

Auch in das Leitungsnetz wurde investiert. Seit 1954 musste die Nordleitung erneuert und die Leitung Jülich−Köln verlegt werden; auch eine zweite Aggertalleitung wurde nötig. Die Leitung Kamp-Lintfort−Geldern−Goch−Kleve (1962/63) erschloss ein neues Absatzgebiet. Im September 1964 betrieb die TGW knapp 1000 Kilometer Gasleitungen. Im Bergischen Land und im Raum Köln−Bonn wurden neue Industrieabnehmer gewonnen; an Kommunalgasversorgern kam die GVG Rhein-Erft hinzu. Erfolgreich war das Werben um Betriebe der großkeramischen Industrie im Kölner Umland, die von Kohle auf Gas umstiegen. Im Herbst 1953 trat die westeuropäische Ferngas-Verbundwirtschaft in ein neues Stadium ein; die Ferngaswerke in der Bundesrepublik, den Niederlanden und Belgien stellten eine Ringverbindung her, die bei vorübergehenden Problemlagen grenzüberschreitende Mengenaustausche erlaubte. 1956 wurde die Geschäftsführung der TGW um den Kaufmann Karl Mahlert erweitert.

1958
2

Das Gasmarketing
wird wichtiger

Hatte das Ferngas auf dem Haushaltsmarkt von Anfang an mit dem Strom konkurrieren müssen, wurde es in der zweiten Hälfte der 1950−er Jahre immer stärker vom Erdöl bedrängt. Die TGW musste ihre Stellung im Wärmemarkt ihres Versorgungsgebietes verteidigen. Das Gasmarketing der TGW hatte sich zunächst auf die Werbung für Gasgeräte und deren Verkauf an Haushalte beschränkt; immer schon war in Hamborn eine viel besuchte Lehrküche betrieben worden.

1958 modernisierte die TGW die Lehrküche und die Ausstellungs- und Beratungsräume an der Duisburger Straße. Weitere Verkaufs- und Beratungsstellen wurden in Walsum, Wuppertal, Aachen und Düren eingerichtet. Seit Anfang der 1960−er Jahre war ein Ingenieurdienst tätig, der bei Industrie- und Gewerbekunden für eine rationellere Gasverwendung warb und damit auch einen Beitrag zum Umweltschutz leistete. Bei der Gaswerbung in den Printmedien arbeitete man teilweise mit der Ruhrgas AG zusammen.

1959
3

Korrosionsschutz in
Ägypten und Liberia und
Anlagenbau für Dritte

Die modernen Verfahren der TGW zum kathodischen Schutz von Leitungen vor Korrosion  wurden über Europa hinaus bekannt. 1961 schützte die TGW in Ägypten 350 Kilometer Ölleitungen vor Korrosion. Das gleiche tat sie 1962/63 in dem neuen Erzhafen von Monrovia in Liberia.

In Deutschland verdiente die aus dem Installationsbetrieb hervorgegangene große Abteilung Energie-Einrichtung viel Geld mit dem Rohr- und Anlagenbau für Interessenten auch jenseits der Grenzen des Versorgungsgebietes. 1959 wurde die Abteilung als Hamborner Rohrbau GmbH verselbständigt. Der Hamborner Rohrbau ging drei Jahre später an den Babcock-Konzern über.

1960
4

Kokereigas wird knapp
– die Nachfrage bleibt hoch:
Bemühungen um „nichtklassisches Gas“

Schon um 1970 konnte sich in Deutschland kaum noch jemand vorstellen, dass zehn Jahre zuvor mit „klassischem Gas“ nicht das Erdgas gemeint war, sondern das Kokereigas. Als der Rohgasausstoß der Kokereien sich nicht mehr steigern ließ, auch weil die Stahlindustrie weniger Koks nachfragte, sahen sich die Ferngasversorger mit dem Problem der „Koks-Gas-Schere“ konfrontiert: Das Interesse an Gas blieb groß, doch die Erzeugung stieß an Grenzen.

Um ihr Geschäft für die Zukunft zu sichern, griff die TGW zunächst auf Raffineriegas zurück, das beim Raffinieren von Erdöl anfällt und von den neuen Raffinerien am Rhein angeboten wurde. Zur Konditionierung des „Raffgases“ baute man im Raum Köln zwei Anlagen. Ein anderes „nichtklassisches“ Gas war – noch – das Erdgas. Wie die Ruhrgas und andere europäische Versorger sondierte die TGW 1960 in Algerien Möglichkeiten, verflüssigtes Erdgas aus den Quellen in der Sahara zu beziehen; auch der Iran geriet in den Blick. Es kam jedoch nicht zu Vertragsabschlüssen, weil die Beteiligung an den Kosten der Verflüssigung und des Seetransportes von algerischem oder iranischem Erdgas als zu hoch eingestuft wurden. Die Entdeckung des Erdgasvorkommens in den Niederlanden 1959 hatte schon eine alternative Vorstellung entstehen lassen, doch noch war nicht klar, ob das Nachbarland zum Export bereit sein würde.

1962
5

Probleme in der Wasserwirtschaft
– das Lippe-Wasserwerk

Im Wassergeschäft der TGW war es schwieriger als im Gasgeschäft, die Vorkriegsleistung von 1938 wieder zu erreichen; es gelang erst 1956. Das provisorische Brauchwasserwerk am Alsumer Rheinufer, das 1944 kriegsbedingt ausgefallen war, wurde 1955/56 durch ein größeres Werk ersetzt, das nur für den Betriebsbedarf der August Thyssen-Hütte arbeitete. Den Trinkwasserbedarf der Kunden der Niederrheinischen Gas- und Wasserwerke und der Stadtwerke Dinslaken befriedigten weiterhin die Wasserwerke I (Laar) und II (Beeckerwerth).

Weil das Rheinwasser immer stärker durch Schadstoffeinleitungen verschiedener Art belastet war, musste die TGW viel Geld investieren, um die Trinkwasserqualität zu halten. 1953 beteiligte sie sich an der Gründung der Arbeitsgemeinschaft niederrheinischer Wasserwerke, die mit der TH Karlsruhe zusammenarbeitete. Der Geschäftsführer Günther Kopf kämpfte auch im politischen Raum für einen besseren Gewässerschutz. 1959−1962 baute die TGW ihr viertes Wasserwerk in Hünxe-Bucholtwelmen, das Lippe-Uferfiltrat förderte. Schon damals war daran gedacht, die Trinkwasserversorgung der Kunden im gesamten Versorgungsgebiet mittelfristig von Bucholtwelmen aus durchzuführen und die Rheinwasserwerke nur noch zur Förderung von Brauchwasser für Industriekunden zu betreiben.

1965

Vertrag mit
der Nederlandse
Aardolie
Maatschappij

Vertrag über den Bezug von Erdgas aus dem Gasfeld bei Groningen

EPOCHE

Der Übergang zum
Erdgasgeschäft

(1965−1971)
1962
1

Thyssengas importiert Erdgas
– Exxon und Shell werden
Mitgesellschafter (1965)

Nachdem 1962 klar geworden war, dass die Niederlande Erdgas exportieren würden, kamen Gespräche zwischen der TGW und der Fördergesellschaft Nederlandse Aardolie Maatschappij (NAM) zustande. Die Holdinggesellschaft der Thyssen-Bornemisza-Gruppe in Rotterdam hatte den Kontakt angebahnt. Die beiden Gesellschafter der NAM, die Erdölkonzerne Exxon (USA) und Shell (Niederlande / Großbritannien), machten die Lieferung von Erdgas an die TGW davon abhängig, dass sie am Absatz im Versorgungsgebiet der TGW mitverdienen konnten.

Dies sollte über Beteiligungen am Stammkapital ermöglicht werden. Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza und seine beiden Schwestern stimmten im Juni 1964 der Abgabe von je 25 v.H. des Stammkapitals der TGW an Exxon und Shell zu. Am 29. Januar 1965 wurde der Erdgasvertrag zwischen der TGW und der NAM paraphiert. Im April 1965, als die neuen Gesellschafter eintraten, firmierte die TGW in Thyssengas AG um. Mit dem am 16. Juli 1965 in Den Haag endgültig unterzeichneten Vertrag begann der Erdgasimport in die Bundesrepublik Deutschland. Thyssengas verpflichtete sich, ab 1966 jährlich steigende Erdgasmengen abzunehmen; das „Plateau“ von 3,8 Milliarden m3 sollte 1975 erreicht werden.

1965
2

Die Ruhrgas schließt sich an
– Der Bau des „Großen Brummers“

Die Ruhrgas AG, die von den Bergbauunternehmen des Ruhrgebietes abhängig war, verfügte bereits über geringe Mengen Erdgases aus den norddeutschen Vorkommen. Dieses Gas wurde so konditioniert, dass es der Beschaffenheit von Kokereigas entsprach. Die Ruhrgas-Gesellschafter wollten die NAM und damit Exxon und Shell von Deutschland fernhalten. Der Vorstand in Essen erkannte jedoch, dass auch dieses Unternehmen mittelfristig nur überleben konnte, wenn es zum Erdgas wechselte. Gründung der NETG bescherten Thyssengas von 1964 bis 1968 negative Bilanzergebnisse, aber die Gesellschafter sollten ihre Geduld nicht bereuen. Die Erlöse des Erdgasgeschäftes machten in den 1970−er Jahren alle Aufwände wett.

Nach langen Verhandlungen stimmten die Gesellschafter einer mittelbaren Beteiligung der Ölkonzerne am Aktienkapital zu. Die Ruhrgas konnte nun ebenfalls Erdgas von der NAM beziehen. Der nordrhein-westfälische Wirtschaftsminister Kienbaum erreichte im Juni 1965, dass die Ruhrgas sich an dem von Thyssengas geplanten Haupttransportsystem für das Erdgas von der niederländischen Grenze bei Emmerich bis Bergisch Gladbach beteiligte. Eine gemeinsame Tochter, die Nordrheinische Erdgastransport-GmbH (NETG), sollte den „Großen Brummer“, wie der neue Leitungsstrang branchenintern genannt wurde, betreiben. Der Bau des Brummers war Ende 1967 abgeschlossen. Abzweigleitungen nach Hamborn, Wuppertal und Aachen brachten das Erdgas in die Tiefe des Versorgungsgebietes. Die Ruhrgas übernahm das von ihr kontrahierte „Holland-Gas“ in Hamborn. Die teuren „Erdgas-Investitionen“ einschließlich der

1966
3

Thyssengas erfindet das
Erdgas-Marketing

Da Erdgas einen anderen Brennwert als Kokereigas hat und auch die Betriebsdrucke in den Leitungen unterschiedlich waren, mussten alle Endgeräte bei den Verbrauchern technisch umgestellt oder ausgetauscht werden. Dieser Notwendigkeit standen die vielen Vorzüge des Erdgases gegenüber.

In Zusammenarbeit mit den regionalen Gasversorgern, in erster Linie den Stadtwerken, informierte Thyssengas seit 1966 die Verbraucher über den neuen Energieträger, während die Ruhrgas sich aus Rücksicht auf den Steinkohlenbergbau bei der Erdgaswerbung noch zurückhalten musste. Der von Thyssengas produzierte Werbefilm Erdgas – ihr Partner von morgen (1967) wurde auf einem Sachfilmfestival in New York preisgekrönt. Legendär wurde eine „gewagte“ Anzeigenwerbung für das Erdgas in Bocholt und Rhede (s. Abbildung xy). Regelmäßig ausgerichtete Marketing-Seminare wurden von den Kundenberatern der Stadtwerke besucht.

1966

Erfindung
Erdgas-
Marketing

Thyssengas erfindet das Erdgas-Marketing: Werbefilm Erdgas – ihr Partner von morgen

1967
4

Die Umstellung bei den Kunden,
die Stilllegung der Ferngaswerke
und die Trennung von der NGW

Die Umstellung der Versorgung von Kokerei- auf Erdgas im Liefergebiet ging schrittweise vor sich, im September 1966 mit Bocholt im Norden beginnend. 1971 war die Umstellung fast vollständig abgeschlossen. Im April und Mai 1971 wurden die Ferngaswerke in Hamborn und Alsdorf stillgelegt. Die dort arbeitenden Beschäftigten gingen in den Vorruhestand oder wechselten zu anderen Arbeitgebern, denn der Arbeitsmarkt der Region war noch aufnahmefähig.

Da die neuen Gesellschafter Exxon und Shell die Aufgabe des Wassergeschäftes wünschten, übertrug Thyssengas 1966 die vier Wasserwerke auf die Niederrheinische Gas- und Wasserwerke GmbH, die unmittelbar von der Thyssen-Bornemisza-Gruppe übernommen wurde. Vorher „Tochter“, war die NGW nun eine „Schwester“ von Thyssengas. Infolge der Stilllegung der Ferngaswerke und der Abgabe des Wassergeschäftes ging die Zahl der Beschäftigten von 1046 (1964) auf 484 (1971) zurück.

1969
5

Generationswechsel in
der Geschäftsführung

Die Änderung der Eigentümerstruktur 1965 wirkte sich auf die Unternehmensleitung aus. Den neuen Gesellschaftern stand je ein Vertreter im Vorstand zu. Noch bevor Rudolf Kunz und Günther Kopf 1966/67 in den Ruhestand traten, entsandte die Exxon-Tochter Esso AG den Kaufmann Heinrich Wingerberg nach Hamborn.

Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza ließ 1965 Kurt Heseler in den Vorstand aufrücken, der danach kurzzeitig fünf Mitglieder hatte. Nach dem Ausscheiden von Kunz und Kopf tat die Deutsche Shell AG es Esso gleich und schickte den Ingenieur Hans Klüß in den Thyssengas-Vorstand. Karl Mahlert wechselte auf Wunsch Hans Heinrich Thyssen-Bornemiszas 1969 zur Pintsch-Bamag AG in Butzbach. Heseler, Wingerberg und Klüß führten die Arbeit von Kunz, Kopf und Mahlert fort. 1971 kehrte Thyssengas zur Rechtsform der GmbH zurück.

EPOCHE

Die Rechnung geht auf: Die Entwicklung
des Erdgasgeschäftes
in den 1970−er Jahren

(1971−1981)
1973
1

Das Erdgasgeschäft wird
ein großer Erfolg

Schon zu Beginn der 1970−er Jahre profitierte das Erdgas als Energieträger vom Steigen der Erdölpreise. Das verstärkte sich noch durch die weltweite Ölpreiskrise von 1973/74, die von einem Krieg im Nahen Osten ausgelöst worden war. Auch die zweite Ölpreiskrise von 1979 war dem Erdgasabsatz förderlich. Dennoch legten die Ferngasversorger nicht die Hände in den Schoß, sondern entfalteten in Zusammenarbeit mit den regionalen und lokalen Gasversorgern intelligente Marketingaktivitäten.

Bei Thyssengas war das die Aufgabe der Hauptabteilungen Kommunalgasverkauf und Industriegasverkauf. Den Erfolg ihrer Arbeit belegt unter anderem das Steigen des Anteils der heizgasversorgten Haushalte an allen Haushalten des Versorgungsgebietes von 1972 (13,2 v.H.) bis 1981 (30,0 v.H.). Der Erdgasabsatz von Thyssengas stieg bis 1979 auf 5 Milliarden m3. Mit einem Reingewinn von 100,6 Millionen DM war 1976 das beste Geschäftsjahr der „alten“ Thyssengas.

1975

COMFLUX-
Verfahren

Erzeugung eines erdgasähnlichen Substitutionsgases (Substitute Natural Gas) auf der Basis von Steinkohle

1975
2

Diversifizierung der Gasbeschaffung:
Nordsee und Sowjetunion

Erdgas wurde immer beliebter, doch die Niederlande wollten ihren Gasexport zunächst nicht erhöhen. Daher mussten die westdeutschen Ferngasversorger andere Exportländer in den Blick nehmen. 1975 konnte Thyssengas mit anderen Importeuren ein Konsortium bilden, das mit dem norwegischen Erdöl- und Erdgasförderunternehmen Statoil einen Vertrag über den Bezug von Erdgas aus den Feldern in der Nordsee abschloss.

Ermöglicht durch das Mieten von Transportkapazität in fremden Leitungen, strömte im Mai 1979 das erste Gas aus den Feldern Eldfisk und Albuskjell nach Hamborn. Einkaufsverhandlungen in Algerien und Nigeria scheiterten. Für den Bezug von Erdgas aus den Vorkommen in der damaligen Sowjetunion musste sich Thyssengas einem von der Ruhrgas gebildeten Konsortium anschließen. Der Vertrag mit dem sowjetischen Exporteur wurde im November 1981 unterzeichnet.

1976
3

Leitungsbau und
Gasspeicher

1974 betrieb Thyssengas 1680 Kilometer Ferngasleitungen (das NETG-System eingeschlossen). Der Import von hochkalorischem Erdgas (H-Gas) aus der Nordsee bedingte 1978/79 den Bau einer Leitung von Ratingen-Lintorf nach Hamborn, die später bis Xanten verlängert wurde. Wegen der jahreszeitlichen Schwankungen des Erdgasabsatzes und der Größe der im Ausland kontrahierten Mengen musste Thyssengas Speicher bauen.

1973−76 entstand in Nievenheim am Rhein ein überirdischer Flüssigerdgas-Speicher mit einem Fassungsvermögen von 14 Millionen m3. Doch noch weit größere Kapazitäten waren nötig. 1975 begann Thyssengas mit Untersuchungen für den Bau einer unterirdischen Speicheranlage bei Xanten. Die Deutsche Schachtbau- und Tiefbohr-GmbH (Lingen) solte dort seit 1980 für Thyssengas die erste Kaverne aus.

1978
4

Forschung und
Entwicklung

Entwicklungen auf dem Energiemarkt und der Wunsch, nicht vollständig von Erdgasimporten abhängig zu sein, führten zu Überlegungen, die Gasbeschaffung durch die Erzeugung eines „künstlichen“ Erdgases (Substitute Natural Gas, SNG) zu erweitern. Seit 1975 entwickelte Thyssengas zusammen mit der Didier Engineering GmbH und der Ruhrchemie AG das COMFLUX-Verfahren zur vollständigen Vergasung von Steinkohle und anschließender Methanisierung.

Im April 1978 ging eine Versuchsanlage auf dem Ruhrchemie-Gelände in Oberhausen-Holten in Betrieb. 1979 begann dort die zweite Entwicklungsphase. In Kooperation mit der nordrhein-westfälischen Lehr- und Versuchsanstalt für Gemüse und Zierpflanzen in Straelen bewiesen in Ingenieure von Thyssengas, dass die Beheizung von Treibhäusern mit Erdgas in jeder Hinsicht vorteilhafter war als die Heizung mit Erdöl.

1979

Erdgaseinsatz
für Pflanzen-
produktion

Treibhausbeheizung mit Erdgas fördert den Pflanzenwuchs und ist billiger als die Heizung mit Öl

1980
5

Ein neues Verwaltungsgebäude
– und ein neuer Gesellschafter

1971 arbeitete die Hauptverwaltung von Thyssengas in 13 eigenen und weiteren drei angemieteten Gebäuden. In den folgenden Jahren wuchs die Belegschaft, bedingt durch die steigende Komplexität der Gasbeschaffung und die Kavernenplanung, wieder an (1972: 477, 1980: 502 Beschäftigte). Die Zeit für einen Neubau war reif, und Thyssengas entschied sich dafür, in Duisburg-Hamborn zu bleiben.

1978−80 wurde an der Duisburger Straße 277, auf einem früher vom Hamborner Bergbau genutzten Grundstück, ein Hochhaus gebaut, das 400 Beschäftigten aufnehmen konnte. Die Einweihung fand am 26. Februar 1980 statt. Wenige Monate später entschloss sich Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza, seinen Anteil an Thyssengas (50 v.H.) zu veräußern. Im Frühjahr 1981 trat die Vereinigte Industrie-Unternehmungen AG (VIAG), eine Holdinggesellschaft im Eigentum der Bundesrepublik, an die Stelle der Thyssen Bornemisza S.A.M. (Monaco).

EPOCHE

Weiter erfolgreich: Thyssengas im Energiemarkt der 1980−er und 1990−er Jahre

(1981−1997)
1981
1

Gasbeschaffung und Gasqualitäten

Der Anteil des Erdgases am Primärenergieverbrauch der Bundesrepublik (alte Bundesländer) stieg bis 1996 auf fast 20 v.H. In ihrem Versorgungsgebiet erreichte Thyssengas dank ausgefeilten Marketings noch bessere Werte; seit 1993 heizte mehr als jeder zweite Haushalt mit Erdgas (Bundesdurchschnitt: 36 v.H.). Thyssengas sicherte sich weiteres Erdgas aus den Nordseefeldern (1982 Statfjord-Vertrag, 1985 Gullfaks-Vertrag, 1986 Troll-Vertrag) und verlängerte 1986 und abermals 1990/91 den Bezugsvertrag mit der Nederlandse Gasunie.

Seit 1984 erhielt man von der Mobil Oil AG und der BEB Brigitta Erdgas und Erdöl GmbH auch Gas aus norddeutschen Quellen. Das 1981 kontrahierte Erdgas aus der Sowjetunion strömte seit Oktober 1984 über Verlautenheide ins Thyssengas-Gebiet; 1989 war die Plateauphase erreicht. 1996 setzten Gespräche über den Bezug von britischem Nordseegas ein. Die unterschiedliche Beschaffenheit der Gasbezüge (L-Gas aus den Niederlanden, H-Gas aus der Nordsee, der Sowjetunion und Norddeutschland) bei Brennwert und Wobbe-Index erforderte den Bau von Gasmischstationen in Broichweiden und Hamborn, und die Bildung von drei Absatzgebieten: L-Gas, H-Gas Nord und H-Gas Süd. Seit 1986 wurden Abnehmer von L-Gas auf H-Gas-Versorgung umgestellt.

1982
2

Netzausbau und Kavernenspeicher:
Xanten, Epe, Kalle

Weil es auf die Dauer unbefriedigend war, das Nordseegas über angemietete Transportkapazität in fremden Systemen zu beziehen, erwarb Thyssengas 1984 den Abschnitt Emsbüren−Hünxe der stillgelegten Erdölleitung Wilhelmshaven−Hünxe; den nördlichen Abschnitt Barßel−Emsbüren kaufte die BEB. Die Leitung wurde für den Transport von Gas umgerüstet.

1987 konnte die Anschlussleitung Hünxe−Hamborn−Lintorf fertiggestellt werden. 1991 ging eine neue Verdichterstation in Hünxe in Betrieb. Zur Speicherung großer Gasmengen unterschiedlicher Beschaffenheit baute Thyssengas die Kavernenanlage in Xanten aus und legte weitere Kavernen in Gronau-Epe an, wo die Salzgewinnungsgesellschaft Westfalen die Aussolung durchführte. Die Anlage in Epe war an die Leitung Emsbüren−Hünxe angeschlossen. 1982/83 wurde die Xantener Anlage durch eine Leitung mit dem Knoten Hamborn verbunden. Ein 1987 geschlossener Vertrag mit der Vereinigte Elektrizitätswerke Westfalen AG ermöglichte die Mitnutzung von deren Porenspeicher in Kalle im Emsland. 1996 hatte Thyssengas eine Speicherkapazität von 3,6 Milliarden kWh.

1985
3

Strategien für die
Existenzsicherung

In den 1980−er Jahren wurde intensiver darüber nachgedacht, wie die langfristige Fortexistenz des Unternehmens unter veränderten Bedingungen gesichert werden konnte. Das Versorgungsgebiet war nicht vergrößerbar, und die erfolgreiche Erdgaspenetration musste irgendwann an Grenzen stoßen.

Die Verlängerung des 1994 auslaufenden Demarkationsvertrages mit der Ruhrgas erschien nicht sicher; ein Kampf um die Bestandskunden, auch mit neuen Marktteilnehmern wie der Wintershall Gas GmbH (Wingas),  war nicht auszuschließen. Ein Mittel, die Stellung im Markt auf lange Sicht zu stabilisieren, schien der Erwerb von Beteiligungen an Gasversorgungsunternehmen niedrigerer Stufen außerhalb des eigenen Gebietes und an anderen Unternehmen der Energiewirtschaft, z.B. Geräteherstellern, zu sein. Die Bemühungen darum blieben jedoch erfolglos. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands zeichnete sich die Möglichkeit ab, mit zwei westdeutschen Partnern ein Gasversorgungsunternehmen für das Land Mecklenburg-Vorpommern zu gründen. Dies scheiterte an mangelnder Unterstützung durch die Gesellschafter Esso und Shell.

1986
4

Forschung und Entwicklung

Veränderungen auf dem Energiemarkt, insbesondere der sinkende Erdölpreis, ließen erkennen, dass die Nachfrage nach Substitute Natural Gas gering bleiben würde. Thyssengas beendete daher 1986 die Weiterentwicklung des COMFLUX-Verfahrens.

 

Der seit Anfang 1982 betriebene Pilotreaktor bei der Ruhrchemie AG in Oberhausen-Holten wurde demontiert. Inzwischen war der Umweltschutz zum beherrschenden Prinzip in der Energiewirtschaft geworden; alle Beteiligten, Versorger, Gerätehersteller und Verbraucher, sollten Energie sparen. Thyssengas verstärkte daher seine Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten hinsichtlich eines effektiveren Erdgaseinsatzes und der Senkung von Stickstoffoxid-Emissionen. Seit 1992 wurden in Hamborn Erdgas-Brennstoffzellen getestet. Die Entwicklungsingenieure befassten sich auch mit der Technologie gasbetriebener Fahrzeuge.

1987
5

Generationswechsel in der
Unternehmensleitung

In den guten Geschäftsjahren bis einschließlich 1986 wuchs die Belegschaft von 502 Personen (1980) auf 565 Personen (1985) an. Das war aufgrund veränderter Anforderungen auf den Gebieten Gasbeschaffung, Kavernenbau und Marketing auch unumgänglich, wenngleich die Gesellschafter es nicht gern sahen.

1987/88 traten Hans Klüß und Kurt Heseler in den Ruhestand. Auf Klüß folgte 1987 als technischer Geschäftsführer Wolfgang Kottmann aus dem eigenen Haus. Der neue kaufmännische Geschäftsführer, Klaus Herrnberger, kam 1988 von der VIAG in Bonn zu Thyssengas. Kottmanns Nachfolger, Christian Heinrich, wurde 1996 von der Deutsche Shell AG nach Duisburg-Hamborn entsandt. Die VIAG übertrug 1994 ihr Anteilspaket an Thyssengas (50 v.H.) ihrer Konzerntochter Bayernwerk AG.

1994

Optimierung
von Kavernen-
speichern

neue Verfahren zur Optimierung von Auslegung und Betrieb von Kavernenspeichern

EPOCHE

Jahre des Umbruchs

(1997−2004)
1997
1

Gasabsatz, Gasbeschaffung
und Speicher

Im Jahr 2000 hatte das Erdgas einen Anteil von 21,1 v.H. am Primärenergieverbrauch der Bundesrepublik und stand nur noch hinter dem Mineralöl zurück. Dies war auch ein Erfolg des erfahrenen Erdgasmarketings von Thyssengas. Infolge der Zuwächse des Erdgasverbrauchs im Beitrittsgebiet war jedoch der Anteil von Thyssengas am deutschen Ferngasmarkt bis 1999 auf 7,3 v.H. zurückgegangen.

Im letzten vollen Geschäftsjahr, 2003, erreichte Thyssengas mit 78 Milliarden kWh den höchsten Jahresabsatz seiner Geschichte. Allerdings drückte der gesunkene Gaspreis schon seit 1994 die Erlöse. Nachdem das Versorgungsgebiet durch die Aufhebung der Demarkation mit der Ruhrgas 1998 nicht mehr geschützt war, kämpfte Thyssengas erfolgreich um die Bestandskunden. Die Gasbeschaffung wurde durch Verlängerungen der Verträge mit der Nederlandse Gasunie und mit den norwegischen Förderern gesichert. Seit dem 1. Oktober 1998 importierte Thyssengas auch Erdgas aus der britischen Nordsee; Partnerin war hier die British Gas Trading Ltd. Dieses Gas strömte durch die den Ärmelkanal querende Leitung Interconnector und das Netz des belgischen Ferngasunternehmens Distrigaz zum Übergabepunkt Aachen-Verlautenheide. Ein Teil des von der British Gas gekauften Gases wurde jedoch auf dem britischen Markt selbst abgesetzt. Den mitgenutzten Porenspeicher der VEW in Kalle schloss Thyssengas an die Leitung Emsbüren−Hünxe−Hamborn an; zusammen mit der BEB baute sie eine neue Verdichterstation in Rysum an der Außenems. 2003 verfügte Thyssengas in Xanten, Epe und Kalle über 5,5 Millionen kWh Arbeitsgaskapazität.

1999
2

Forschung und Entwicklung

Mit mehreren Partnern engagierte sich Thyssengas weiter für den Durchbruch des erdgasgetriebenen PKW auf dem Automobilmarkt. Schon seit 1995 war untersucht worden, wie sich Erdgastankstellen billiger bauen und betreiben ließen.

Seit 1996 förderte Thyssengas die Aufstellung von Erdgas-Tanksäulen auf öffentlichen Tankstellen im Versorgungsgebiet.  Im Frühjahr 1999 gründete Thyssengas mit dem Kemptener Automobilhersteller Abt einen Rennstall, der mit einem erdgasbetriebenen Tourenwagen von Audi am 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring teilnahm und damit bewies, dass Erdgas als Treibstoff für Kraftfahrzeuge auch den höchsten Ansprüchen genügen konnte. Ende 2001 unterstützte Thyssengas den Einsatz von erdgasbetriebenen PKW bei der Straßenwacht des Allgemeinen Deutschen Automobil-Clubs. Der Einsatz von Brennstoffzellen im Testbetrieb wurde laufend weiter optimiert.

2000
3

Die „Liberalisierung“ des deutschen
und europäischen Gasmarktes

In den 1990−er Jahren betrieben die die Kommission der EU und die Bundesregierung eine „Liberalisierung“ der Energiemärkte, die vor allem über die Abschaffung der Gebietsmonopole (Demarkationen) und die Trennung des Netzbetriebes vom Handelsgeschäft („Unbundling“) erreicht werden sollte. „Brüssel“ wollte mittelfristig einen grenzenlosen Binnenmarkt für Strom und Gas schaffen.

Die deutschen Ferngasversorger wehrten sich gegen diese Forderungen, weil sie gravierende Nachteile für ihr Geschäft befürchten mussten, aber „Berlin“ half ihnen nicht. Das 1993 ergangene Verbot des Bundeskartellamts für Thyssengas und Ruhrgas, ihre Demarkation über 1994 hinaus fortzusetzen, wurde nach zwei Berufungen 1997 rechtskräftig. Die seit 1998 gültige Binnenmarktrichtlinie der EU für Gas schrieb die entgeltliche Netzöffnung für Konkurrenten (Third Party Access) vor. Ende Juli 2000 veröffentlichte Thyssengas als erste deutsche Ferngasgesellschaft die Bedingungen und Entgelte für die Benutzung ihrer Leitungen durch Dritte. Der Third Party Access ermöglichte es Thyssengas, Lieferverträge mit neuen Kunden in früheren Fremdgebieten abzuschließen, so mit den Stadtwerken Lemgo, die seit dem 1. April 2001 Gas bezogen.

2000

Veröffentlich-
ung third party
access

Veröffentlichung der Bedingungen und Entgelte für die Netznutzung durch Dritte im Internet

2003
4

Unternehmensleitung
und Gesellschafter

Christian Heinrich war 1997/98 für kurze Zeit alleiniger Geschäftsführer. Am 1. März 1998 trat der von der Energie Mittelrhein GmbH kommende Bernhard Witschen an die Spitze des kaufmännischen Bereiches. 2003 kam es nochmals zu einem Wechsel in der Geschäftsführung; Heinrich starb mit nur 50 Jahren an einer schweren Krankheit, und Witschen wechselte zur GEW Rheinenergie AG.

Nun wurde Jörg Scheler, seit 1977 bei Thyssengas, zum technischen Geschäftsführer bestellt, während Wandulf Kaufmann von der neuen Gesellschafterin RWE Gas AG am 1. Juli 2003 die Leitung der kaufmännischen Aufgaben übernahm. Von größter Bedeutung für die Zukunft war das Ausscheiden von Thyssengas aus dem VIAG-Konzern und die schrittweise Übernahme der Anteile durch Tochtergesellschaften der RWE AG. Im Mai 1997 erwarb die RWE Energie AG die Beteiligung der Bayernwerk AG (50 v.H.); drei Jahre später konnte die Nachfolgerin von RWE Energie, die RWE Power AG, den über die Esso Deutschland GmbH gehaltenen Anteil von Exxon (25 v.H.) übernehmen. 2001 übertrug die Konzernmutter RWE das 75 v.H.−Paket der RWE Power AG auf die junge RWE Gas AG, die im Mai 2003 auch noch die Beteiligung der Shell Petroleum NV an Thyssengas kaufte.

2004
5

2003/04: Das Ende der
„alten“ Thyssengas

Seit Mai 2003 lag das Schicksal von Thyssengas in der Hand des RWE-Konzernvorstandes. Im Juni 2003 wurde ein Ergebnisabführungsvertrag mit der RWE Gas AG geschlossen. Die RWE bereitete die Integration des Geschäftes von Thyssengas in den Konzern vor. Ende 2003 zählte Thyssengas noch 343 Beschäftigte.

Am 1. Februar 2004 wurden die Aufgaben von Thyssengas auf mehrere Konzerntöchter mit Sitzen in Essen und Dortmund verteilt. Den Gastransport und den Leitungsbetrieb übernahm die RWE Transportnetz Gas GmbH. Das Verwaltungsgebäude in Duisburg-Hamborn wurde leergezogen und vermietet, schließlich 2008 verkauft. Die Betriebsstellen und die Stationen in Hamborn, Bergheim, Hünxe, Elten, St. Hubert, Rysum und Aachen-Verlautenheide blieben unter der Regie der Funktionsnachfolger erhalten. So verschwand Thyssengas vom Gasmarkt. Das Unternehmen wurde zu einer reinen, praktisch „unsichtbaren“ Asset Holding, die ihr Leitungsnetz an die RWE Transportnetz Gas und ihre Speicher an die RWE Westfalen-Weser-Ems AG verpachtete.

EPOCHE

Die „neue“
Thyssengas

(2004−2021)
2009
1

Eine Folge „hoher Politik“: Thyssengas wird reaktiviert

In den Jahren, in denen Thyssengas nur im Handelsregister existierte, wurde in der gesamten Energiewirtschaft das Prinzip des Unbundling verwirklicht. Alle Versorger spalteten ihren Netzbetrieb vom Handelsgeschäft ab, so die Ruhrgas im Jahr 2004. Nachdem die EU-Kommission 2006 bei der RWE Transportnetz Gas GmbH mit Ermittlungen wegen angeblicher Verstöße gegen die EU-Binnenmarktrichtlinie Gas begonnen hatte, entschied sich der RWE-Konzernvorstand, einen langen und teuren Rechtsstreit zu vermeiden und eine außergerichtliche Verständigung mit „Brüssel“ zu suchen.

RWE bot an, ihre Ferngasnetze unter einer neuen Firma zum Verkauf zu stellen, und die EU akzeptierte dies. Das eigentliche Netz der RWE Transportnetz Gas, bei dem es sich um das Netz der früheren Westfälische Ferngas AG (WFG) handelte, und das Thyssengas-Netz waren eigentumsrechtlich noch getrennt. Nun wurden sie, mit Ausnahme eines Teils des westfälischen Netzes, vereinigt. Das Unternehmen, das dieses Gesamtnetz betreiben sollte, durfte im Namen keinen Bezug zu RWE mehr ausweisen. Der Konzernvorstand entschied daher, Thyssengas zu reaktivieren. Die RWE Transportnetz Gas GmbH wurde am 26. Juni 2009 auf Thyssengas verschmolzen.

2011
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Gesellschafter und Geschäftsführung

Es war nicht schwer, einen Käufer für Thyssengas zu finden, denn Energienetze sind stabile und einträgliche Assets. Den Zuschlag erhielten im Februar 2011 Infrastrukturfonds der australischen Bank Macquarie. Die Australier entschieden sich 2015, Thyssengas wieder zu veräußern.

Nun gab ein aus dem französischen Versorger Ḗlectricité de France SA und dem niederländischen Infrastrukturfonds DIF bestehendes Konsortium das beste Gebot ab. Sie kauften Thyssengas 2016 über ein Erwerbsinstrument, die heutige Thyssengas Holding GmbH. In der Geschäftsführung stand Wandulf Kaufmann für die Kontinuität von „alter“ und „neuer“ Thyssengas. An seiner Seite waren kurzzeitig Michael Kohl und Klaus Homann tätig. 2011 schied Kaufmann aus. Macquarie berief Axel Botzenhardt und Bernd Dahmen zu Geschäftsführern; Dahmen war schon in der alten Thyssengas tätig gewesen, zuletzt als Leiter der Abteilung Leitungsbau. Der Gesellschafterwechsel von 2016 hatte zur Folge, dass Axel Botzenhardt Thyssengas verließ; Bernd Dahmen ging 2018 in den Ruhestand.

2017
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Gesellschafter und Geschäftsführung

2017 trat Diplom-Ingenieur Thomas Gößmann als CEO in die Geschäftsführung ein. Jörg Kamphaus übernahm 2018 als Mitgeschäftsführer die Leitung der kaufmännischen Aufgaben. 2012 wurde wieder ein Aufsichtsrat gebildet, der Klaus Homann zu seinem Vorsitzenden wählte.

2019

„Element
Eins“

2019
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Die Aufgabe des Transmission System Operators

Das Geschäft eines Transmission System Operators ist der Netzvertrieb, d.h. der Verkauf von Transportleistungen, die von Energiehändlern und –versorgern und von Kraftwerksbetreibern nachgefragt werden. Thyssengas erbringt diese Leistungen jeweils zwischen einem der 14 Gaseinspeisepunkte und einem der fast 1100 Ausspeisepunkte. Die Preisbildung für die Leistungen ist aufgrund des Energiewirtschaftsgesetzes und der Gasnetzentgeltverordnung von 2005 staatlich reguliert.

Die Netzbetreiber bilden die Preise in einer Kalkulation, die von den Betriebskosten, der Gewinnerwartung und der jährlichen Erlösobergrenze bestimmt wird, die von der Bundesnetzagentur nach regelmäßigen Prüfungen des Geschäftsverlaufes in den einzelnen Unternehmen für jeweils fünf Jahre festgelegt wird. Thyssengas, die heute rund 10 Milliarden m3 Gas im Jahr transportiert, hat ihr Leitungsnetz seit 2009 weiter optimiert. Gemeinsam mit der Open Grid Europe GmbH (OGE) in Essen baute Thyssengas 2019−21 die Leitung Zeelink zwischen Aachen-Lichtenbusch und Legden in Westfalen. Zeelink verbindet die Netze von Thyssengas und OGE über Belgien mit dem Flüssiggasterminal in Zeebrugge. Das jüngste Leitungsprojekt ist die Verbindung zwischen dem Knotenpunkt Datteln und dem Gas- und Dampfkraftwerk der STEAG GmbH in Herne. Im Jubiläumsjahr betreibt Thyssengas rund 4400 Kilometer Gasleitungen.

2021
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Unternehmenssitz und Betriebsstellen

Der Sitz der RWE Transportnetz Gas war Dortmund, die Arbeitsplätze waren jedoch auf mehrere Städte in den Versorgungsgebieten der früheren WFG und der alten Thyssengas verteilt. Nach der Reaktivierung von Thyssengas nahm die Verwaltung ihren Sitz in Dortmund, wo sie heute in einem gemieteten Gebäude neben dem Kulturzentrum „Dortmunder U“ arbeitet.

. Seit 2009 hat Thyssengas drei Betriebsstellen neu gebaut: Duisburg-Hamborn – im Gewerbegebiet Neumühl –, Elsdorf (Ersatz für Bergheim) und Recklinghausen (Ersatz für Dortmund-Brechten). Neue Verdichterstationen entstanden in Ochtrup, Würselen und Legden; die letzteren beiden gehören zum Zeelink-System. Die Speicher allerdings mussten 2009 an die RWE Gasspeicher GmbH übertragen werden. Ein Beweis für den Erfolg von Thyssengas ist das Wachstum der Belegschaft von rund 300 im Reaktivierungsjahr auf rund 380 im Jubiläumsjahr 2021.

2022
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Forschung und Entwicklung für die Zukunft:
Element Eins und Biogaseinspeisung

Erdgas ist heute eine „Brückenenergie“ zwischen den anderen fossilen Brennstoffen Kohle und Erdöl, die nach festen Zeitplänen aufgegeben werden sollen, und den regenerativen Energieträgern Sonnenstrahlung und Windkraft sowie dem nichtfossilen Biogas, denen die Zukunft gehört. Auf längere Sicht wird Erdgas aber vom Wasserstoff abgelöst werden.

Dieses Gas lässt sich mit der Power-to-Gas-Technik zu erzeugen, wobei im Elektrolyseurverfahren mittels Windkraftstrom Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff gespalten wird. Anders als Strom lässt sich Wasserstoff in großem Umfang speichern. Neben den Erdgasförderern beteiligen sich auch Netzbetreiber an der weiteren Entwicklung der Power-to-Gas-Technik. Für die Netzbetreiber steht dabei die Einbindung von Anlagen zur Wasserstofferzeugung in die Netze im Vordergrund. Thyssengas baut seit 2019 gemeinsam mit den Partnern Gasunie Deutschland und Tennet TSO GmbH eine Versuchsanlage in Diele in Ostfriesland. Das von der Bundesregierung ausgezeichnete Projekt trägt die Bezeichnung Element Eins. Ein weiterer Entwicklungsbereich ist die Einspeisung von Biogas in Erdgasnetze. Auch hiermit dient Thyssengas der Umwelt.

2023
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Eine neue Erdgasleitung quer durch das Ruhrgebiet

Die Dekarbonisierung der Energieversorgung schreitet voran. Seit 2020 baut Thyssengas die Anschlussleitung für das neue Gas- und Dampfturbinenkraftwerk der STEAG in Herne, welches das Ruhrgebiet mit klimafreundlicher Fernwärme versorgen wird. Die 23 Kilometer lange Leitung verläuft vom Anbindungspunkt in Datteln bis zum Kraftwerksstandort in Herne durch Gebiete der Städte Oer-Erkenschwick, Recklinghausen und Herten. Damit ist es eines der größten Neubauprojekte der vergangenen Jahre.

Bereits 2014 begannen die Planungen für das Projekt. Nach Erteilung des Planfeststellungsbeschlusses im November 2019 wurde die Leitung innerhalb von nur zwei Jahren gebaut – trotz anspruchsvoller Trassenführung, wie etwa der Unterquerung der Emscher und des Rhein-Herne-Kanals, sowie der andauernden Corona-Pandemie. Die Fertigstellung des STEAG-Kraftwerks ist für den Spätsommer 2021 geplant. Dann erfolgen letzte Arbeiten, um die Erdgasleitung an die Gas- und Dampfturbinenanlage anzuschließen